Zeitungsartikel vom 31.08.2007, Kölner Stadtanzeiger

VON GUDRUN KLINKHAMMER, 31.08.07, 00:09h
Kreis Euskirchen/Golbach - „Stellen Sie sich vor, Sie atmen durch einen dünnen Strohhalm - ganz lange Zeit.“ Wenn Sven Leigraf dieses Gefühl hat, dann geht es ihm nach eigenen Angaben gut. Hat er das Gefühl, der Strohhalm wird zugedrückt, geht es ihm schlecht. Nach 20 Schritten muss er dann eine Pause einlegen. Dann pfeift er regelrecht auf dem letzten Loch, und es geht nicht weiter. In die Nähe von Tieren traut er sich kaum. Wenn sie ihn bedrohen, kann er nicht weglaufen.

Der 42-jährige Kölner leidet an einer chronischen Entzündung der Lunge, die vor rund zehn Jahren zunächst als „Belastungsasthma“ diagnostiziert worden war. Nachdem sich sein Zustand kontinuierlich verschlechtert hatte, erklärte man ihm vor drei Jahren: „Sie müssen sich mit einer Transplantation abfinden, sonst leben sie maximal noch fünf Jahre mehr.“ Der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker ist inzwischen Frührentner und wartet auf ein Spenderorgan.

Künstliches Koma
Janina Ewertz aus Golbach hat die Transplantation einer Spenderlunge bereits hinter sich. Vor zwei Jahren erkrankte die Golbacherin, die heute 15 Jahre alt ist, an einer Lungenentzündung. Im Kreiskrankenhaus Mechernich tat man das Möglichste, der Sauerstoffgehalt in Janinas Blut ging jedoch rapide bergab. Noch in Mechernich verlegten die Ärzte Janina in ein künstliches Koma, in dem sie letztendlich drei Monate lang bleiben sollte. In Bonn wurde sie an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die so groß war wie ein ganzes Zimmer. Doch auch dort fanden die Ärzte keinen Weg, Janina zu helfen.

Eine Überlebenschance von 30 Prozent gaben die Ärzte dem Mädchen, als es in einer dramatischen Aktion per Hubschrauber von Bonn nach Hannover geflogen wurde. Da eine „ausgewachsene“ Herz-Lungen-Maschine nicht in den Hubschrauber passte, mussten die Ärzte auf ein kleineres und damit schwächeres Gerät zurückgreifen. Janinas Körpertemperatur musste deswegen permanent auf über 40 Grad gehalten werden. Wie durch eine kleines Wunder überstand sie den Flug, und in Hannover erhielt sie bereits fünf Tage später eine Spenderlunge. Die Überlebenschancen bei einer Transplantation standen für sie 50:50.

Simone Artar, Janinas Mutter, erlebte diese Zeit als „einzige Talfahrt“. Erst in Hannover gaben ihr die Ärzte wieder Mut und Hoffnung. Simone Artar erinnert sich: „Ich hatte dort keine Sekunde lang das Gefühl, dass etwas nicht klappen könnte.“

Und doch: In Hannover stand Janinas Mutter zunächst alleine da, bis sie auf einem Tisch einen Flyer des Vereins „Transplantationsbegleitung e.V.“ liegen sah. Als sie mit Mitgliedern dieses Vereins Kontakt aufgenommen hatte, wurde ihr unbürokratisch und vor allem schnell geholfen: Eine Wohnung wurde besorgt, Infos wurden weitergegeben und Kontakte geknüpft.

So entstand auch die Freundschaft zwischen Sven Leigraf und Janinas Familie. Leigraf weiß - auch aus leidvoller Erfahrung - inzwischen: „90 Prozent der Deutschen hätten gern ein neues Organ, wenn sie es denn bräuchten, aber nur knapp zehn Prozent sind momentan bereit, zu spenden.“

Janina Ewertz trägt heute, zwei Jahre nach der Transplantation, zwar noch immer einen Mundschutz, wenn sie in die Schule geht oder ihr Pferd auf der Weide besucht. Aber sie braucht täglich keine 53 Tabletten mehr einzunehmen, sondern „nur“ noch 30.

Quelle: Kölner Stadtanzeiger

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